Wissen + Medien | Dr. Bernd Langner

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Mühlacker 2009

Kulturlandschaft des Jahres: »Historische Ortsanalyse«

Unter diesem Thema veranstaltete der Schwäbische Heimatbund am 20. Juni 2009 gemeinsam mit der Stadt Mühlacker eine Tagung. Rund 60 Bürgermeister, Planer, Archivare und Heimatpfleger waren der Einladung gefolgt, um sich über bislang weniger bekannte Wege zur Ortsforschung als Planungsgrundlage – insbesondere im Ländlichen Raum – zu informieren.

Vormittag in der Mühlacker Kelter

Bernd Langner am Redepult Vorstellung der Methodik mit Beispielen

Unter der Leitung von Dr. Bernd Langner und Wolfgang Thiem fand der erste Teil der Veranstaltung zunächst in der Mühlacker Kelter statt. Nach der Begrüßung durch den SHB-Vorsitzenden Fritz-Eberhard Griesinger und Mühlackers Oberbürgermeister Arno Schütterle stimmte Bernd Langner die Gäste auf das Thema ein und machte darauf aufmerksam, dass manche Fehler in der frühen Dorfentwicklung der 1960er Jahre vermeidbar gewesen wären, hätte man seinerzeit schon mehr auf das individuelle »Gesicht« vieler Orte gesetzt, anstatt städtische Leitlinien auf den ländlichen Bereich zu übertragen. Die Tagung sollte deshalb dazu dienen, Wege aufzuzeigen, wie die in Jahrhunderten gewachsene Persönlichkeit einer Ortschaft herausgearbeitet und in die Zukunftsplanung integriert werden kann.

Diplom-Geograf Wolfgang Thiem, Planungsreferent beim Regierungspräsidium Karlsruhe (Denkmalschutzbehörde), erläuterte zunächst, wie die »Historische Ortsanalyse« 1986 zunächst aus der Denkmalpflege unseres Landes heraus entwickelt wurde. Bedauerlicherweise kam es aber ausgerechnet in Baden-Württemberg zu keiner nennenswerten Umsetzung über eine Modellphase hinaus. Stattdessen entwickelte sich der methodisch ähnlich strukturierte »Denkmalpflegerische Erhebungsbogen« in Bayern zum Erfolgsmodell im Rahmen der dortigen Flurbereinigungsverfahren. In einem zweiten Beitrag stellte Thiem mehrere Anwendungsbeispiele von Ortsanalysen vor: vom straffen Werteplan im Rahmen einer Gesamtanlagenbegründung bis hin zum Stadtkern-Atlas.

Dr. Bernd Langner, unter anderem Lehrbeauftragter für Kunst- und Architekturgeschichte an der Universität Stuttgart, informierte in seinem Beitrag anhand zahlreicher Beispiele, Karten, Fotos und historischen Ansichten ausführlich über die Methodik einer Historischen Ortsanalyse. Vor allem sei darauf zu achten, dass die Arbeitsschritte streng an der Aufgabenstellung ausgerichtet bleiben: „Die Historische Ortsanalyse ist keine Chronik, sondern ein auf wissenschaftlichen Methoden beruhender, überprüfbarer Rahmen, der – einem Gutachten vergleichbar – in die Planung mit eingebunden wird.“ In die Analyse einbezogen werden sollen deshalb zunächst alle naturräumlichen Komponenten, welche die jeweilige Siedlungsgestalt einer Ortschaft von der Gründung bis in die Gegenwart beeinflusst haben: Topografie, Klima, Baumaterialien, Bodenbeschaffenheit, Nähe zu Wasser, herrschaftliche und kirchliche Verhältnisse, Kriege, Brände und dergleichen mehr.

Wichtigster Bestandteil der Ortsanalyse ist die Quellenarbeit zur Bestimmung der Historischen Ortsstruktur. Hierzu leisten insbesondere in den württembergischen Gebieten Urkarte und Primär-(Steuer-)Kataster als Ergebnisse der Landesvermessung zwischen 1818 und 1840 wertvolle Hilfe, weil sie vor den wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts entstanden und damit größtenteils die mindestens seit dem Dreißigjährigen Krieg überlieferte historische wirtschaftliche, soziale und auch bauliche Siedlungsstruktur widerspiegeln. Weitere Quellen in den Archiven, wie Urbare, Lagerbücher oder Lehenslisten, können die Untersuchung ergänzen. Wie Bernd Langner zeigte, lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse sehr anschaulich auf Karten übertragen und wesentliche Phänomene rasch sichtbar werden.

Nach Auswertung von Quellen und Literatur erfolgt die eigentliche Analyse. Hierbei wird die historische mit der gegenwärtigen Ortstruktur verglichen. So ist es möglich, in Text und Karte festzuhalten, in welchen Bereichen eine Siedlung nicht nur substanziell (Fachwerkbauten, Sonderbauten), sondern insbesondere auch strukturell (Fluchten, Wege, Freiräume, Bezüge, Funktionsbereiche, Ortränder, Wasserläufe etc.) noch einzigartige – im Sinne von »individuelle« – und damit erhaltenswerte Qualitäten aufweist. Aufgrund dieser Kenntnis kann die Ortsentwicklung sehr viel stärker als bisher identifikationsstiftende Elemente berücksichtigen.

Langner und Thiem machten auch nochmals deutlich, dass es sich bei der Historischen Ortsanalyse um eine Substanz- und Strukturanalyse handelt, weil sie zwar wesentlich auf dem Bestand an Kulturdenkmalen aufbaut, dass es aber auch Fälle von erhaltenswerten Ortskernen geben kann, die außer der Kirche kaum ein weiteres Baudenkmal besitzen. Nachdem Bernd Langner auch noch das 2003 abgeschlossene Projekt »Historische Dorfanalyse Heudorf« vorgestellt hatte, bei dem die Bürgerschaft in die Analyse eingebunden war, waren sich am Ende des Vormittags Referenten und Tagungsteilnehmer darüber einig, dass eine an der Persönlichkeit des Orts ausgerichtete Zukunftsplanung keinen Erfolg haben wird, wenn sie am Bürger vorbei geht.

Exkursion am Nachmittag

Bernd Langner vor Publikum Lienzingen diente dazu, das im Seminar Gehörte in der Praxis anzuwenden.

Nach dem Mittagessen wurde der theoretisch-methodische Teil durch zwei Ortsbesichtigungen in Lienzingen und Schützingen – ein Haufen- und ein Straßendorf – ergänzt. Gemeinsam mit dem Mittelalterarchäologen und Hausforscher Tilmann Marstaller führten Bernd Langner und Wolfgang Thiem den Teilnehmern vor Augen, dass trotz außerordentlich qualitätsvoller Substanz und einer Vielzahl von bis ins 15. Jahrhundert zurückreichenden historischen Fachwerkbauten nur wenige strukturverändernde Maßnahmen ausreichen um ein Ortsbild nachhaltig zu beeinträchtigen. Baulücken, veränderte Baufluchten, unmaßstäbliche Gebäudevolumen, untypische Baumaterialien, Neubauten anstelle eines Scheunengürtels, Zerstörung der einstigen Etterstruktur oder Baugebiete auf historischen Freiflächen am Ortsrand seien hier genannt.

Tilmann Marstaller nahm in beiden Orten die Gäste mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise durch Fachwerk- und Gefügemuster. Manch ein Zuhörer bemerkte zum ersten Mal, dass und auf welche Weise sich auch Fachwerk durch die Jahrhunderte verändert hat und dass Ortsgeschichte auch an »Verblattungen« und »Verzapfungen«, am »Feuerbock« und an Balkenköpfen ablesbar ist.

Wolfgang Thiem hob abschließend die Besonderheit Schützingens hervor, dessen historische Etterstruktur mit der »klassischen« Abfolge Haus – Scheune – Hausgarten – Baumwiese – Etterweg – offene Flur noch nahezu vollständig intakt ist. Dennoch stehen auch hier dem wertvollen Bestand an Fachwerkbauten schmerzvolle Eingriffe in die Substanz der Ökonomiegebäude entgegen. Erneut wurde deutlich, wie nachhaltig schon kleine Veränderungen wirken können.

Ihren Abschluss fand die Tagung in der Schützinger Ulrichskirche, deren Atmosphäre Bernd Langner nutzte, um nochmals an die Teilnehmer zu appellieren, auch Siedlungen als wesentliches prägendes Element der Kulturlandschaft und nicht als reinen Wohn- und Wirtschaftsort zu verstehen und die Erkenntnisse des Tages mitzunehmen als Grundlage für künftiges verantwortungsvolles Handeln in den Kommunen, Gremien, Archiven und Vereinen.