Wissen + Medien | Dr. Bernd Langner

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Gerstetten 2011

Tagung "Ortsanalyse als Baustein zu einer bewussteren Dorfentwicklung" in Gerstetten

Unter dem Motto "Aus der Vergangenheit lernen" kamen am 11. Oktober 2011 im Bahnhotel von Gerstetten rund 100 Teilnehmer zusammen - darunter nicht wenige Bürgermeister und Amtsleiter, Archivare, Städteplaner und Heimatpfleger -, um sich im Rahmen einer Tagung mit nachmittäglicher Exkursion über die Methoden und Möglichkeiten einer Historischen Ortsanalyse zu informieren. Eingeladen hatten der Schwäbische Heimatbund und die Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg - unterstützt durch die Gemeinde Gerstetten und die Kreissparkasse Heidenheim. Den Anlass, den Tagungsort auf die Ostalb zu legen, gab das Projekt des Schwäbischen Heimatbunds "Kulturlandschaft des Jahres 2011/12 Albuch, Härtsfeld und Lonetal".

Dr. Bernd Langner (SHB) stellte die Historische Ortsanalyse als ein seit vielen Jahren bekanntes, aber noch zu selten genutztes Instrument vor, das sowohl in der Dorfentwicklung als auch in der Denkmalpflege eingesetzt werden kann. Die Qualität einer Ortsanalyse bestehe darin, die Planung mit fundiert aufgearbeiteten Recherchen zur baulichen, strukturellen und sozialen Entwicklung einer Ortschaft zu unterstützen: "So ist es möglich, dass im Zuge städtebaulicher und substanzieller Veränderungen im Ort und an der Nahtstelle zur Flur die über Jahrhunderte gewachsene "Persönlichkeit" der Gemeinde erkannt und in die Fortentwicklung integriert werden kann."

Ausführlich erläuterte er die Methodik, die sowohl die zielgerichtete Auswertung von Archivalien, von Urkarte und Urkataster sowie der orts- und regionalgeschichtlichen Literatur als auch eine gründliche Bestandsaufnahme der gegenwärtigen baulichen wie strukturellen Situation im Ort umfasst. Historische Siedlungsformen oder Bauweisen waren in aller Regel nicht von Zufällen geleitet, sondern spiegelten soziale, wirtschaftliche und topografische Bedingungen wider, die jedes Dorf und jede Stadt unvergleichlich machten, "was heute immer seltener der Fall ist", ergänzte Langner. Vergleiche man die historische Siedlungsform mit der aktuellen, lasse sich in Text, Karte und Bild deutlich machen, an welchen Stellen diese Persönlichkeit noch erkennbar ist und sogar in die zukünftige Entwicklung bewusst einbezogen werden kann.

Diplom-Geograf Wolfgang Thiem, Denkmalpfleger beim Regierungspräsidium Tübingen, stellte die Entwicklungsgeschichte der Ortsanalyse vor. Obwohl die Methodik im Wesentlichen vor gut 25 Jahren in Baden-Württemberg entwickelt wurde, fand sie bislang am meisten Anwendungsmöglichkeiten in Bayern, wo im Rahmen der Flurbereinigung so genannte "Denkmalpflegerische Erhebungsbögen" eingesetzt werden. Er betonte aber, dass die Ortsanalyse mehr und mehr auch in Baden-Württemberg angewandt wird, besonders wenn historische Stadtkerne als Gesamtanlagen unter Schutz zu stellen sind.

Dies griff Dr. Martin Hahn vom Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart auf, der eingehend zahlreiche Anwendungsbeispiele aus der Praxis vorstellte: Ortsanalysen, mit deren Hilfe die besonderen Qualitäten eines historischen Stadtkerns nach einem durchgängigen Schema gut strukturiert und nachprüfbar herausgestellt werden, damit Planer, Entscheider und Bürger rasch das wertvolle kulturelle Erbe erkennen können. Dr. Hahn verhehlte nicht, dass die vorhandenen Mittel bislang nicht ausreichten, um das Instrument flächendeckend einzusetzen.

Zuletzt stellte Dr. Bernd Langner ein Projekt vor, beim die Ortsanalyse von Dürmentingen-Heudorf unter fachlicher Moderation im bürgerschaftlichen Miteinander erarbeitet wurde. Der Aspekt, dass das Wissen um die besondere Vergangenheit einer Siedlung zu höherer Identifikation der Bürger mit ihrem Lebensraum führen kann, kam hier besonders zum Ausdruck.

Exkursion nach Dettingen am Albuch

Nach dem Mittagessen ließ sich die Tagungsgesellschaft von einem historischen Bus in den Teilort Dettingen am Albuch fahren. Auf einem ausgedehnten Ortsrundgang bei sonnigem Spätherbstwetter stellten die drei Referenten des Vormittags die baulichen und räumlichen Besonderheiten des einstigen Weberdorfs vor und erläuterten an Beispielen, an welchen Stellen das "historische Gesicht" Dettingens erhalten geblieben ist und wo nachhaltige Verluste zu beklagen sind. Auch bei dieser Exkursion waren den Teilnehmern die ausgeteilten historischen Karten eine Hilfe, weil aus ihnen nicht nur die bauliche, sondern auch die berufliche und soziale Gliederung der Ortschaft um 1830 hervorging.

Mit dem Appell, unter dem Eindruck der Tagung künftig die Augen noch stärker auf vermeintlich Verzichtbares oder Unscheinbares zu richten und die historische Forschung nicht als Hindernis, sondern als Chance zu begreifen, ging in Gerstetten eine Tagung zu Ende, die auch unter dem Eindruck auffallend vieler Anmerkungen, Fragen und Ergänzungen aus dem Teilnehmerkreis stand.

Fragen zur Historischen Ortsanalyse können gerne an die Planungsreferenten in den Referaten Denkmalpflege der Regierungspräsidien Stuttgart (Dr. Hahn) und Tübingen (Thiem) oder an Dr. Bernd Langner gerichtet werden.