Wissen + Medien | Dr. Bernd Langner

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Historische Orts- und Dorfanalyse

Um das Jahr 1990 wurde aus der städtebaulichen Denkmalpflege heraus die Forderung gestellt, die Entwicklung des Ländlichen Raumes weitaus fundierter auf eine geschichtsbezogene Grundlage zu stellen als bisher. Der Aufruf an Kommunen und Planer ging dahin, die individuellen Charakterzüge eines einzelnen Dorfes bei dessen Fortentwicklung stärker zu berücksichtigen. Durch die Auswertung historischer Quellen in den öffentlichen und privaten Archiven, Vermessungsämtern und anderen Behörden sollte es doch möglich sein, der Persönlichkeit auch einer ländlichen Gemeinde auf die Spur zu kommen. Wenn es gelänge, die lokale oder regionale Wirtschafts- und Sozialgeschichte herauszuarbeiten und deren Auswirkungen auf die räumlichen, baulichen und gesellschaftlichen Strukturen, würde man in der Lage sein, diese Strukturen bei der künftigen Planung auch hinreichend zu einzubeziehen und nicht am Dorf vorbei zu planen.

Alte Ansicht eines Dorftores Die "gute alte Zeit" oder ein wichtiges Element für die Persönlichkeit eines Dorfes?

Nicht die Schlösser und Kirchen, Marktplätze und Bürgerhäuser, Parks und herrschaftliche Alleen waren es also, welche die Denkmalpfleger im Sinn hatten, sondern die einfachen, typischen Bauernhäuser, die Triebwege und Baumwiesen, die Hofstrukturen und Dorfweiher. Wenig also, das Denkmaleigenschaft besitzen würde - vieles jedoch, das eine einzelne Siedlung unverwechselbar macht, und manches, durch das ein Kulturdenkmal überhaupt erst als ein solches seinen Wert erhält. Ein verständlicher Aufruf auch, wenn man an die zahlreichen neuen 'Ortsmitten' denkt, die landauf, landab entstanden sind: eine der anderen immer ähnlicher und selten mit individuellem Flair.

1991 wurde in der Tübinger Außenstelle des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg ein Modellprojekt mit dem Ziel initiiert (und zuletzt durch Dr. Bernd Langner durchgeführt), anhand von zunächst drei, später insgesamt zehn Gemeinden aus dem gesamten Bundesland die Bedeutung von Historischen Dorfanalysen deutlich zu machen. Allerdings befand sich keine dieser Gemeinden in einer aktuellen Planungsphase. Nach Ablauf des Projekts nahm sich 1995 der Schwäbische Heimatbund dieser Idee an. Eine weitere Modellphase mit drei Dörfern sollte den Nachweis oder zumindest Hinweise darauf erbringen, dass es sich lohnt, Akten zu wälzen, Archive zu durchforsten, Karten zu interpretieren, Kataster auszuwerten und alte Fotografien beizubringen. In diesem Fall wurden Gemeinden ausgewählt, die am Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) teilnahmen.

Titelblatt: Projektbericht Heudorf

Dieses Projekt sollte aber nicht durch einen Historiker, Planungsberater oder Geographen im Alleingang durchgeführt werden, sondern unter Beteiligung der Bürger! Dies hat auch einen tiefen Sinn, denn die Bewohner eines Dorfes in dessen Entwicklung einzubeziehen, stiftet ein hohes Maß an Identifikation. Auch dies war aufzuzeigen: dass Bürgerinnen und Bürger willens und unter fachlicher Anleitung auch in der Lage sind, sich so intensiv mit der Geschichte ihres Dorfes zu beschäftigen, dass am Ende ein Instrument entsteht, welches allen an der Entwicklungsplanung Beteiligten eine wertvolle Hilfestellung gibt und für das es sich in der Bürgerschaft lohnt, notfalls zu kämpfen.

Die Ergebnisse der "Historischen Dorfanalyse Heudorf" sind in einem umfangreichen Projektbericht zusammengetragen.

Die "Historische Dorfanalyse" vermag diese bedeutende Hilfe zu geben. Sie kann und will nicht dazu dienen, eine Planung zu ersetzen. Sie kann aber genügend Informationen liefern, damit am Ende alle Seiten stolz behaupten können, ihr Dorf habe trotz notwendiger Veränderungen sein Gesicht bewahrt, weil man in der Lage war, seine über Generationen hinweg entstandenen Eigenheiten mit in die Zukunft zu nehmen.